Startseite Zum Mitnehmen Bibliothek Für Sie gelesen Politische Ökonomie: "Deutschland AG"
Politische Ökonomie: "Deutschland AG" PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: mvp   
Freitag, 28. November 2014

Ralf Ahrens, Boris Gehlen, Alfred Reckendrees (Hg.): Die „Deutschland AG“. Historische Annäherungen an den bundesdeutschen Kapitalismus, Bochumer Schriften zur Unternehmens- und Industriegeschichte Bd. 20, Klartext Verlag, Essen 2013, 377 S., 39,95 Euro.

Unternehmerisches Handeln ist zielgerichtet, auf Gewinn ausgerichtet und erfolgt unter dem Eindruck von Unsicherheit. Auf Märkten können Unternehmen Profite erzielen durch Arbitrage, erfolgreiche Spekulation über zukünftige Konsumentenwünsche und Innovationen. Permanent entstehen neue Gewinnmöglichkeiten aufgrund veränderlicher Marktdaten, darunter Präferenzen und Technologien. Erfolgreiche Strategien werden nachgeahmt, wenn ein freier Marktzu- und Marktaustritt möglich ist. Die Profitmöglichkeiten nehmen ab, der Wettbewerb beseitigt „gesellschaftliche Suboptimalität“ (Israel Kirzner). Im Zentrum politischen Handelns stehen demgegenüber das Erlangen und der Gebrauch von Macht. Die politische Praxis wird durch Vergabe von Privilegien dominiert. Unternehmensführer haben Anreize, durch ökonomisches und politisches Handeln ihre Wettbewerbsposition zu stärken.

Die so genannte „Deutschland AG“ ist ein „Kernbereich der politischen Ökonomie der Bundesrepublik“ (S. 12), wie die Herausgeber in ihrer historischen Annäherung an die Verflechtungsstruktur aus Großunternehmen und Großbanken unter Einflussnahme der Regierung schreiben, die über Personen in Aufsichtsräten und Kapitalbeteiligungen erfolgte und nie mehr als 20 % der Wertschöpfung ausmachte. Insofern erscheint der Untertitel „bundesdeutscher Kapitalismus“ nicht ganz treffend.

Absicht der Herausgeber ist es, erstmals einen differenzierten Blick auf das zuweilen verklärte oder konstruktivistische Modell der „Deutschland AG“ zu ermöglichen. Ihrem lesenswerten einführenden Überblick folgen 13 Beiträge einer Tagung des Arbeitskreises für kritische Unternehmens- und Industriegeschichte sowie des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam vom November 2011. Deutlich wird einerseits die Entwicklung weg von organisierten deutschen Netzwerkbeziehungen hin zu internationalen Finanzmarktorientierungen und -akteuren. Andererseits werden der über ein Jahrhundert zurückreichende Pfad und die unterschiedlichen Ausprägungen des Netzwerks erkennbar, das zeitlich, Branchen bezogen und personenabhängig differierte. Indes sind produktive Zweifel dahingehend angebracht, ob die inhaltliche These zutrifft, wonach wirtschaftliche Herausforderungen stärker unternehmerisches Handeln prägten, als dass Strukturen der „Deutschland AG“ dies bestimmt hätten (S. 20). Der Sammelband bietet Argumente dafür und dagegen:

Die Deutsche Bank war Mitte der 1970er Jahre in 240 Aufsichtsräten vertreten. Lediglich wenige Konturen sind über den tatsächlichen Einfluss der Großbanken erkennbar, trotz der anschaulichen Studien über die Vorstände Ponto und Herrhausen sowie die Reorganisation von Daimler-Benz. Weitgehend vernachlässigt bleibt die Rolle der Regierungen trotz ihrer intendierten industriepolitischen Einflussnahme. Genauer zu untersuchen ist der gesetzliche Einfluss, zumal Aktiengesetz und Einführung von Höchststimmrechten die Verflechtungen der „Deutschland AG“ vertieften (S. 189). Der historisch kontinuierliche Staatseinfluss wirkte auch in der Auflösungsphase retardierend. So zeigt Saskia Freye, wie die Übernahme der Aktienpakete von Quandt und Flick mit „Rückendeckung der Bundesregierung“ (S. 325) von der Deutschen Bank als nationale Lösung realisiert wurde, jedoch zur schrittweisen Auflösung der „Deutschland AG“ beitrug. Untersuchenswert erscheint zudem die Rolle der Verbände. Die Herausgeber weisen in sieben weiterführenden Forschungskomplexen selbst auf wesentliche Forschungspotenziale hin, darunter die Arbeitsweise der Aufsichtsräte, Auswirkungen auf Branchen und international vergleichbare Strukturen.

Deutlich wird neben der emergenten Entstehung und funktionalen Struktur auch, wie kraftvolle ökonomische und soziale Umbrüche die „Deutschland AG“ veränderten und zur Auflösung in den 1990er Jahren führten (S. 292). „Vom stakeholder zum shareholder value“ lautet eine Formel, die Ausdruck der Globalisierung ist. Der Protektionismus – das Netzwerk war gegen ausländische Übernahmen und gegen Druck der Finanzmärkte gerichtet – wurde unhaltbar. In der allerdings nur lose verbundenen Chemiebranche machte die bereits seit den 1960er Jahren beschleunigte Internationalisierung niedrige Profitabilität, Planungssicherheit und geringe Übernahmewahrscheinlichkeit der „Deutschland AG“ zunichte, wie Christian Marx am Beispiel der Glanzstoff und Hoechst AG zeigt.

Insgesamt sind die 13 Beiträge des Bandes in drei Abschnitte gegliedert: Strukturen, Modelle und historische Wurzeln – Unternehmenskontrolle in der BRD – Alternativen und Auflösung der „Deutschland AG“. Eingangs skizziert Jürgen Beyer insbesondere Strukturen und Merkmale, darunter die starke Einbindung der Deutschen Bank, der Dresdner Bank und der Commerzbank sowie den überschaubaren Personenkreis, die enge Kopplung von Kapital- und Personenverflechtungen und die vorwiegend intrasektorale Verflechtung. Bemerkenswert, aber wenig überraschend bot die „Deutschland AG“ eine Möglichkeit, das 1958 neu eingeführte Kartellverbot zu umgehen. Alfred Reckendress zeigt, dass die historischen Wurzeln bis über die Weimarer Zeit und das Kaiserreich hinaus in die Gründerzeit der Aktiengesellschaften zurückreichen. Banken als Kreditgeber und Aktienemittenten sowie Aktionäre von Industrieunternehmen übten eine besondere, aber nicht beherrschende Funktion aus. Informations-, Transaktionskosten und kapitalmarkttheoretische Argumente seien ausschlaggebend gewesen, zumal private Anleger sich zurückhielten.

Karoline Krenn zeichnet die Aufsichtsratverflechtung in der Weimarer Republik nach. Roman Köster betrachtet die „Deutschland AG“ im Lichte historischer Kapitalismustheorien. Gerold Ambrosius befasst sich mit den politischen Leitvorstellungen der 1950er und 1960er Jahre und resümiert eine staatskorporatistische Praxis. Boris Gehlen zeigt, dass das Aktienrecht zur Verflechtungsvertiefung beitrug und (absehbar) keine Kontrollverbesserung unternehmerischer Entscheidungen hinsichtlich ihrer Recht- und Zweckmäßigkeit schuf.

Ralf Ahrens analysiert die Bankenmacht über Aufsichtsratmandate am Beispiel von Jürgen Ponto mit dem Ergebnis, dass Monitoring und Intervention sowie Beratung über den formellen, gesetzlichen hinaus einen informellen Einfluss schuf, der aber auch in Krisensituationen keineswegs eine Durchsetzung der Bankinteressen garantierte. Die Fusion von Bilfinger und Berger gelang, die Reorganisation der AEG misslang. Das Interesse der Dresdner Bank habe nicht in aktiver Steuerung, sondern Sicherung der Hausbankbeziehungen gelegen, in langfristiger Präsenz in Aufsichtsräten wegen der Geschäftsbeziehungen, nicht aber in kurzfristiger Renditeoptimierung. Friederike Sattler kommt in ihrem Aufsatz über Alfred Herrhausens Beiträge zum Diskurs über Macht der Banken zu dem Schluss, dass Herrhausen die „Deutschland AG“ zunächst aus betriebswirtschaftlicher Bankperspektive und volkswirtschaftlicher Nutzenperspektive verteidigt, aber Personen- und Kapitalverpflichtungen nicht für unabdingbar gehalten habe und sich für einen selbstbestimmten Abbau einsetzte. Jörg Lesczenski lässt mit der Neuausrichtung von Messer Griesheim als Familienunternehmen auf Kapitalmarktbasis, u.a. mit einer Privatemission als Erfolgsgeschichte, den Schluss zu, dass die behauptete Förderung von Stabilität und Unternehmenserfolg durch die „Deutschland AG“ ein zu hinterfragender topos ist.

Die Masse der Ergebnisse überrascht nicht. Dass Unternehmen, genauer ihre Führer, auch bei großer Gesetzesnähe Fehlentscheidungen trafen (S. 189), liegt in der Natur unternehmerischen Handelns und begrenztem Expertenwissen. Die Praxis lehrt, dass Unternehmen und ihre Führer stets in Netzwerke eingebunden sind, sie stets (auch) persönliche Interessen verfolgen und von Aufsichtsräten gestützt werden können, die keineswegs per se unabhängig sind. Heiko Braun illustriert dazu passend am Beispiel der forschenden Arzneimittelhersteller das enge formelle und informelle Netzwerk der großen sieben „Freundeskreis“-Unternehmen.

Für eine tragfähige Antwort, was das unternehmerische Handeln entscheidend prägte, fehlt neben ausreichend Empirie vor allem eine Theorie, manches mutet überdies praxisfern an. Inhalte, Praktiken, Koordinationsleistungen innerhalb der Netzwerke kommen zu kurz. So bleibt unklar, ob „tatsächlich ein abgestimmtes Verhalten und eine kollektive Koordinierung genutzt wurde“ (S. 9). Eine Leitlinie künftiger Untersuchungen könnte der Maxime von Jesus Huerta de Soto folgen: „Keine Theorie kann direkt aus der Geschichte gewonnen werden, aber andererseits gilt, dass ein vorausgehende Theorie notwendig ist, um sie angemessen interpretieren zu können.“

Quelle: Erscheint in:  Bankhistorisches Archiv

 
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