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Missmatch: Wissenschaft und Beratung PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: mvp   
Donnerstag, 06. Februar 2014

Alfred Kieser: Wissenschaft und Beratung, Schriften der Philosophisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften Bd. 27, Universitätsverlag C. Winter Heidelberg, Heidelberg 2002, 94. S.

Einer der führenden deutschen Organisationswissenschaftler, Alfred Kieser, ging in einem Vortrag 2001 drei heute noch bedeutsamen Fragen nach:

1. Weshalb erlangt(e) die Unternehmensberatung zunehmend an Bedeutung?
2. Warum wird Problemlösungswissen nicht direkt von der Wissenschaft bezogen?
3. Wenden Unternehmensberatungen lediglich wissenschaftlicher Erkenntnisse an oder generieren sie eigenes Wissen?

Dem zu einem kleinen lesenswerten Band verarbeiteten Vortrag lassen sich fundamentale Unterschiede zwischen Wissenschaft und Beratung entnehmen:

Wissenschaft ist cum grano salis unpersönlichen Kriterien bei der Suche nach Wahrheit unterworfen. Die Forschungsergebnisse werden der Gemeinschaft zugeschrieben. Wissenschaft ist uneigennützig und beinhaltet einen organisierten Skeptizismus. Demzufolge ist Wissenschaft weder per se ökonomisch noch politisch nutzbar.

Beratung zeichnet demgegenüber die Vereinfachung und Lösung von Praxisproblemen aus, häufig mittels Best practices. Hinzu kommen die Legitimierung von Verfahren gegenüber Stakeholdern sowie Kommunikation und Durchsetzung von Entscheidungen durch Einsatz von  Expertenmacht, ferner die Unterstützung von Akteuren in politischen Auseinandersetzungen, schließlich Karriereförderung und Sinnstiftung. Vorsätzliches Ziel der Berater sei es, den Kunden zufrieden zu stellen, wie auch immer.

Wollten Wissenschaftler beraten, so müsste sie ihre neutrale Position aufgeben und Partei ergreifen. Offenkundig sind Wissenschaft und Beratung zwei unterschiedliche soziale Systeme mit eigenen Regeln, Zielen, Methodiken und Rhetoriken. Wissenschaftler erhöhen Komplexität – Berater reduzieren sie. Bemerkenswerterweise hält Alfred Kieser es für nicht möglich, den Beratungserfolg auch nur annähernd zu messen. Eine wissenschaftliche Fundierung von Beratung sei versucht worden, mit wenig Erfolg. Theorie und Praxis passten in der Betriebswirtschaftslehre nicht einfach zusammen.

Der Erfolgsschlüssel von Beratern liege darin, dass diese zunächst die Unsicherheit der Unternehmen durch Erhöhen der Komplexität steigerten, um dann das Gefühl zu vermitteln, eine wirksame Steuerung des Unternehmens sei möglich. Zunehmende Spezialisierung und Managementmoden seien zwei Methoden von Beratern, deren Rat auch zukünftig von Praktikern eher eingeholt werde als der der Wissenschaftler.

Der Blick des Wissenschaftlers auf die Unternehmensberatung ist das eine, praktische Erfahrungen sind das andere und die dürften zumindest ambivalent sein. Die Professionalisierung von Beratungen ist weit vorangeschritten. Längst übernehmen Berater Aufgaben eines Unternehmens, bieten sie spezialisierte, nützliche Expertise und sind beispielsweise für Sanierungen und Restrukturierungen unverzichtbar. Das ändert nichts an den fundamentalen Unterschieden zwischen Wissenschaft und Beratung. Auch wenn es Versuche gibt, Brücken zu bauen. Das gilt umso mehr für politische Beratung. Freunde der Freiheit dürften sich mit den Herausforderungen aus beiden Welten konfrontiert sehen plus der Zurückhaltung gegenüber politischen Lösungen, die nicht aus (mehr) Interventionismus bestehen.

 
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